AI-First auf der Microsoft Directions North America 2026

Ende April 2026 kamen in Orlando über 1.400 Teilnehmer aus 30 Ländern zur Directions North America zusammen – der führenden Partnerkonferenz für Microsoft Dynamics 365 Business Central. Dicobis-Geschäftsführer Holger Lüke und Jonas Luge waren Teil der Directions. Ein Thema umspannt die gesamte Konferenz: KI und die Entwicklung von Business Central zur Plattform, auf der Agenten operative Aufgaben eigenständig ausführen.
Business Central entwickelt sich vom ERP-System zur Plattform, auf der KI-Agenten zunehmend operative Aufgaben übernehmen und Geschäftsprozesse ausführen. Microsofts Botschaft dazu: Agenten sind nicht mehr nur ein zusätzliches Interface zum ERP. Sie werden Teil der Prozesse und verändern gleichzeitig, wie Business-Central-Lösungen entwickelt werden.
Von Copilot zu autonomen Geschäftsprozessen
Auf der Bühne wurde deutlich, wie breit Microsoft das Agenten-Modell inzwischen denkt. Die beiden First-Party-Agenten für die Automatisierung von Eingangsrechnungen und die Erstellung von Verkaufsaufträgen sind inzwischen in allen Regionen verfügbar, in denen Business Central angeboten wird. Laut Microsoft haben rund 50 % der Kunden bereits mindestens einen dieser beiden Agenten ausprobiert.
Gleichzeitig baut Microsoft das Agenten-Ökosystem weiter aus. Auf Directions wurden zahlreiche Partnerlösungen gezeigt. Unter anderen für Zeiterfassung, Sales Returns, Inventory Recall oder Maintenance Intake. Hinzu kommt der geplante Expense Agent, der die Verarbeitung von Ausgaben und Belegen automatisieren soll. Die Entwicklung geht von der Unterstützung einzelner Arbeitsschritte hin zur Automatisierung ganzer Geschäftsprozesse.
Was mich nach Orlando am meisten beschäftigte: Microsoft baut Vertrauen direkt ins Produkt ein. Berechtigungen, Protokolle, eine lückenlose Timeline und Agenten, die man nachvollziehen kann. Das ist der Unterschied zwischen einem KI-Feature und einem produktionsreifen System.“
Holger Lüke, Geschäftsführer dicobis
MCP: die Verbindung zwischen Business Central und externen Agenten
Ein wichtiger Baustein dafür ist der Business-Central-MCP-Server. Microsoft hat ihn 2026 für den produktiven Einsatz freigegeben. Er schafft eine standardisierte Schnittstelle, über die externe KI-Agenten mit Business Central interagieren können. Damit wird Business Central nicht nur zum Ort, an dem eigene Agenten arbeiten, sondern auch zu einer Plattform, die sich für externe Agentensysteme öffnen lässt.
MCP lässt sich vereinfacht als standardisierte Sprache zwischen Agent und Anwendung verstehen: Ein Agent kann darüber auf definierte Business-Central-Daten und -Funktionen zugreifen, ohne dass für jeden einzelnen Anwendungsfall eine komplett individuelle Schnittstelle geschaffen werden muss. Dabei bleiben Berechtigungen und die Kontrolle über die verfügbaren Aktionen zentral. Gerade für produktive Prozesse ist das entscheidend: Ein Agent soll nicht einfach beliebige Änderungen im ERP durchführen können, sondern nur innerhalb klar definierter Regeln und mit den entsprechenden Zugriffsrechten. Damit wird MCP zu einem wichtigen Baustein für eine zunehmend agentischen Systemlandschaft.
AI-First ERP: KI dort einsetzen, wo die Geschäftsprozesse liegen
Was bedeutet diese Entwicklung für Unternehmen? Mitarbeitende wechseln heute im Arbeitsalltag teilweise mehr als 1.200-mal zwischen Anwendungen. Ein erheblicher Teil dieser Wechsel entsteht, weil Informationen, Prozesse und Arbeitsschritte auf unterschiedliche Systeme verteilt sind. KI-Funktionen einfach als weitere Tools neben diese bestehende Systemlandschaft zu stellen, löst dieses Grundproblem nicht.
Der AI-First-Ansatz setzt deshalb an einer anderen Stelle an: KI arbeitet dort, wo Stammdaten, Bewegungsdaten, Geschäftslogik und Berechtigungen bereits zusammenlaufen – im ERP. Wenn ein Agent beispielsweise einen Verkaufsauftrag anlegt, eine Rechnung verarbeitet oder einen Prozess prüft arbeitet er innerhalb des bestehenden Daten- und Regelwerks des Unternehmens.
Directions NA hat für mich bestätigt, was wir bei dicobis seit Längerem verfolgen: KI entfaltet ihren Wert dort, wo die Daten bereits sauber strukturiert sind. Wer jetzt in ein ERP-Projekt geht, sollte diese Weiche von Anfang an richtig stellen. AI-First bedeutet, Prozesse, Datenstrukturen und Berechtigungen von Anfang an so zu denken, dass Agenten darauf aufbauen können.“
Jonas Luge, Geschäftsführer dicobis
Agenten verändern auch die Entwicklung von Business Central
Eine der vielleicht weitreichendsten Aussagen der Konferenz betrifft auch die Entwicklung von Business Central. Microsoft zeigte eine zunehmend agentenbasierte Entwicklungs-Pipeline: Agenten können eingehende Anforderungen und Issues analysieren, priorisieren, Aufgaben vorbereiten und anschließend Code, Reviews und Tests unterstützen. Ein Product Owner beziehungsweise Mensch bleibt dabei in der Verantwortung und gibt die entscheidenden Schritte frei.
Damit verändert sich auch die Rolle von Business-Central-Partnern. Wenn Agenten Entwicklungszyklen beschleunigen und Teile der klassischen Entwicklungsarbeit übernehmen, verschiebt sich der Schwerpunkt: von der reinen Programmierung hin zu Architektur, Prozessdesign, Qualitätssicherung, Governance und der richtigen Orchestrierung von Agenten.
Was die Entwicklung für Business-Central-Anwender bedeutet
Weltweit setzen mittlerweile über 55.000 Unternehmen Business Central ein. Rund 50 % davon haben bereits mindestens einen der verfügbaren Agenten genutzt. Für Unternehmen, die Business Central einsetzen oder eine Einführung planen, ist die Botschaft der Konferenz eindeutig: Agenten im ERP sind keine Zukunftsvision. Die entscheidende Voraussetzung, um davon zu profitieren, ist die Qualität der Daten und Prozesse, auf denen sie arbeiten. Wer heute ein ERP-Projekt startet, legt damit deshalb nicht nur die Grundlage für die nächsten fünf oder zehn Jahre seiner Geschäftsprozesse. Er entscheidet auch darüber, wie gut KI-Agenten künftig mit diesen Prozessen arbeiten können.
